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Marcel Thum ist Professor für Finanzwissenschaft an der Technischen Universität Dresden sowie Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen. Im exklusiven Interview mit Kryptoszene.de spricht er über die Zukunft unseres Finanzsystems, notwendige Regulierungen und warum die Idee einer supranationalen Zahlungseinheit wie Libra eine große Chance sein kann.

Herr Thum, glauben Sie, dass Zentralbanken in naher Zukunft Kryptowährungen herausgeben werden?

Einige Zentralbanken arbeiten meines Wissens sehr intensiv an diesen Projekten – in Europa ebenso wie in China. Unklar ist dabei allerdings, wie eine von einer Zentralbank herausgegebene Kryptowährung schnell an Akzeptanz gewinnen soll. Im Vergleich zu Libra ist nicht ausgemacht, dass die staatlichen Kryptowährungen offen für darauf aufbauende private Dienste sind. Ohne eine solche Offenheit dürften aber nur wenige Nutzer nennenswerte Vorteile sehen.

Sie erwähnen Libra. Die geplante Digitalwährung aus dem Hause Facebook erfährt aktuell politischen Widerstand. Aus Angst vor Steuerhinterziehung und Geldwäsche haben sich auch wichtige Kooperationspartner wie Paypal, Ebay, Visa und Mastercard zurückgezogen. Wie stehen Sie zu einer staatlichen Regulierung von Facebook’s Kryptowährung?

Bei einer privaten Kryptowährung wie Libra wird die notwendige Regulierung davon abhängen, welche Services die Währung genau liefert. Für eine Vereinfachung von Zahlungen dürfte keine besondere Regulierung nötig sein. Sie können auch heute alle möglichen Apps oder Karten mit Guthaben aufladen, um irgendwo schnell und unkompliziert zahlen zu können. Anders sieht die Sache bei Bankdiensten aus. Wenn mithilfe von Libra Kredite vergeben und Anlagen getätigt werden, sind analoge Regulierungen wie für die übrigen Dienstleister nötig.

Welchen Vorteil hätte eine solche virtuelle Währung?

Der Vorteil von Libra liegt vermutlich zum einen in der Möglichkeit von internationalen Geldtransfers gerade in Regionen mit schwach ausgebautem Bankensektor. Zu, anderen könnten auf Libra neue Dienstleistungen aufsetzen. Solange das alles im Bereich der Vereinfachung von Zahlungen bleibt, ist das unkritisch.

Dass Kryptowährungen wie Libra die monetäre Souveränität bedrohen, wäre also unbegründet?

Wenn eine echte private Weltwährung entstünde, sieht die Sache anders aus. Dann könnte nationale (oder beim Euro supranationale) Geldpolitik ohnmächtig werden. Darauf hat jüngst de Chicago Ökonom Harald Uhlig hingewiesen.

Finden Sie nicht, große Unternehmen wie Facebook oder Amazon seien nicht schon mächtig genug?

Da Libra auf dem Proof of Stake Prinzip basiert, braucht man im Hintergrund auch Anteilseigner, die bei groben Fehlern oder Betrug etwas zu verlieren haben. Hier ist es also nicht schlecht, dass einige große Player beteiligt sind. Aber die Regulierungsbehörden sollten genau hinschauen, ob Marktmacht ausgenutzt wird, zum Beispiel bei der Bepreisung von Transaktionen.

In einem Gespräch in der Wirtschaftswoche warnten Sie davor, ein Projekt wie Libra zu blockieren, da Entwicklungsländer davon profitieren könnten.

Jede neue Technologie trägt ein Element kreativer Zerstörung in sich.  Viele neue Technologien haben sich langfristig oft als sehr hilfreich für die Menschen erwiesen, auch wenn kurzfristig einzelne Branchen, Regionen oder Berufe zu leiden hatten. Daher gibt es auch immer Widerstand gegen neue Technologien, weil einige ihre Pfründe in Gefahr sehen. Daher plädiere ich dafür, das Projekt erst einmal reifen zu lassen. Erst wenn man sieht, welche Dienste darauf aufsetzen werden, kann man konkret überlegen, ob regulatorische Eingriffe nötig sind. Jetzt schon zu bremsen, könnte viele Chancen verspielen.

Könnten Länder, die in wirtschaftlichen und politischen Krisen stecken, Kryptowährungen als Alternative zur instabilen Landeswährung nutzen?

Die meisten Kryptowährungen sind dafür nicht geeignet, weil ihre Werte viel zu volatil sind. Aber Libra könnte durch die Unterlegung mit einem festen Währungskorb als Alternative zu instabilen Landeswährungen dienen. Das würde dann auch die Politiker und Zentralbanker dieser Länder disziplinieren.

Das Proof of Work-Verfahren von Bitcoin ist ein aufwändiger und sehr Ressourcen-fressender Prozess. Steht der hohe Co2-Ausstoß einer Krypto-Zukunft im Weg?

Ja, Proof of Work ist extrem verschwenderisch. Das ändert sich auch nicht, wenn man das Mining in Gegenden mit regenerativen Energien verlagert, da auch die Rechnerfarmen selbst Ressourcen schlucken.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Thum!

Image Copyright: Klaus Gigga

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Dana Hajek

Ich bin freie Journalistin, lebe in London und studiere im Erasmus Mundus Master International Journalism, Media and Globalisation. Brennend interessiere ich mich für Zukunftstechnologien, Digitalisierung und (digitale) Trends.

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