Das Financial Stability Institute (FSI) ist eine Einrichtung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) mit Sitz in Basel. Die BIS gilt als „Zentralbank der Zentralbanken“ und koordiniert die internationale Zusammenarbeit im Bereich Finanzaufsicht und Geldpolitik. Das FSI veröffentlicht regelmäßig Occasional Papers, in denen unabhängige Experten regulatorisch relevante Entwicklungen im globalen Finanzsektor analysieren.
Das hier vorgestellte Paper Nr. 27 erschien im April 2026 und wurde von Denise Garcia Ocampo (BIS) sowie Peter Goodrich und Gian-Piero Lovicu (Financial Stability Board) verfasst. Es basiert auf einer Analyse der Nutzungsbedingungen großer Krypto-Plattformen zwischen November 2025 und März 2026 sowie auf Interviews mit Anbietern und Aufsichtsbehörden.
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Yield und Earn: Klingt wie Sparen – ist aber etwas ganz anderes
Was auf den ersten Blick wie ein attraktives Tagesgeldkonto wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als erhebliches Risiko. Sogenannte „Earn“-Produkte, bei denen Kunden ihre Kryptowerte an die Plattform übertragen, erzeugen kurzfristig einlösbare Verbindlichkeiten, die wirtschaftlich Bankeinlagen sehr ähneln – nur ohne jede Einlagensicherung.
Die BIS-Studie analysierte die Nutzungsbedingungen der größten Plattformen und fand dabei eindeutige Sprache: Binances Simple-Earn-Produkt überträgt Kundenvermögen unwiderruflich an die Plattform, die Assets werden mit anderen Nutzern vermischt, und Binance entscheidet nach eigenem Ermessen, wie das Geld eingesetzt wird. Bybit formuliert ähnlich: Die Plattform darf mit dem eingezahlten Vermögen „in jeder Art und Weise verfahren, die sie für geeignet hält“.
https://twitter.com/coinbureau/status/2047377966771093590
Wenn MCIs Kundenvermögen über Investitionsprogramme entgegennehmen und dieses Kapital für Kreditvergabe, Market-Making und andere Aktivitäten einsetzen, übernehmen sie Kredit-, Liquiditäts- und Laufzeitrisiken bis – Risiken, die der Kunde trägt, ohne es zu wissen.
Das Kleingedruckte, das kaum jemand liest – und das alles verändert
Der entscheidende Unterschied zu einer Bank liegt im Kleingedruckten. Die Analyse der Nutzungsbedingungen zeigt, dass bei den meisten Plattformen Eigentum und Titel der in ein Earn-Programm eingezahlten Kryptowerte vom Nutzer auf die Plattform übertragen werden, die Vermögenswerte nicht mehr getrennt, sondern mit den Assets anderer Nutzer vermischt werden, und die Plattform die volle Entscheidungsgewalt über den Einsatz der Kundenvermögen hat.
Hinzu kommt: Viele Earn-Produkte machen keine verbindliche Zusage, wie viel Rendite tatsächlich ausgezahlt wird – die beworbenen Zinssätze sind indikativ, und die tatsächliche Auszahlung wird erst zum Zahlungszeitpunkt festgelegt. Wer also glaubt, er lege Geld zu einem festen Satz an, irrt. Und im Insolvenzfall? Kunden haben keine bevorzugten Ansprüche, kein Recht auf Rückgabe spezifischer Assets – und keine staatliche Absicherung. Der Zusammenbruch von Celsius Network 2022 illustriert genau dieses Szenario: Die Plattform konnte Rückzahlungen nicht mehr bedienen, was eine Kettenreaktion über das gesamte Krypto-Ökosystem auslöste.
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Was Nutzer und Regulatoren jetzt wissen müssen
Die Warnung der BIS ist unmissverständlich: Earn- und Yield-Produkte sind keine harmlosen Sparprodukte, sondern de facto ungesicherte Darlehen an die Plattform. In vielen Ländern unterliegen MCIs keinerlei Anforderungen – also weder Eigenkapitalvorschriften noch Liquiditätspuffern – obwohl sie wirtschaftlich dieselben Risikotransformationen vornehmen wie regulierte Banken.

Die Studie fordert deshalb dringend eine Regulierung, die Earn-Produkte als das behandelt, was sie sind: einlagenähnliche Verbindlichkeiten mit entsprechenden Schutzpflichten. Konkret empfehlen die Autoren Eigenkapital- und Liquiditätspuffer, verpflichtende Finanzberichterstattung sowie grenzüberschreitende Aufsichtskooperation.
Für Nutzer bedeutet das heute: Wer Krypto-Earn-Produkte nutzt, gibt seiner Plattform einen unbesicherten Kredit – ohne Zinsobergrenze, ohne Rückzahlungsgarantie und ohne Einlagensicherung. Solange diese regulatorische Lücke besteht, wächst ein globales Schattenbankensystem heran – mit Millionen von Nutzern, aber ohne die Schutzregeln, die im traditionellen Finanzsektor selbstverständlich sind.
„Während Vertreter des Krypto-Asset-Sektors häufig die Transparenz von Blockchain-Technologien anpreisen, ist der eklatante Mangel an Daten ein Problem, das viele Risiken des MCI-Sektors im Dunkeln lässt.“
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