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Interview mit Deloittes Director of Research Duncan Stewart : „Wir werden in diesem Jahrhundert keine Gleichstellung von Männern und Frauen in der IT erfahren“

Unter dem Namen Deloitte arbeiten zehntausende Expert*innen in unabhängigen Gesellschaften auf der Welt zusammen. Sie beraten Unternehmen und Institutionen bei Wirtschaftsprüfungen und Steuern. Duncan Stewart ist Deloittes kanadischer Director of Research im Bereich Technologie, Medien und Telekommunikation. In einem exklusiven Interview mit Kryptoszene.de spricht er über langfristige ökonomische Risikofaktoren, Low Orbit-Satelliten für das Breitband und Trends der Branche in 2020.

Hallo Herr Stewart, ihr Job ist es kanadischen und internationalen Kund*innen mit akkuraten Recherchen Empfehlungen für ihr Unternehmen vorzulegen. Dann schießen Sie mal los, welche Empfehlungen geben Sie für 2020?

Es gibt zwei große Trends dieses Jahr. Erstens, private 5G-Netzwerke für Unternehmen, sprich: privater, sicherer, belastbarer, schneller, billiger, inklusive anderer Funktionen. Zweitens, AI-Edge Chips, die die künstliche Intelligenz in Richtung Edge voranbringen.

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Trotz der Trends gibt es Gegenden, die nicht vernetzt sind. Betreffen diese Maßnahmen wirklich alle Regionen auf der Welt?

Der Breitband-Ausbau ist bisher schon sehr gut! Laut GSMA leben über 90 Prozent der Weltbevölkerung in Reichweite von drahtlosen WLAN-Netzwerken. Und diese Zahl wird voraussichtlich Ende 2020 bei 93-94 Prozent liegen.

Wann knacken wir die 100 Prozent?

Die meisten Menschen, die nicht vernetzt sind, können es sich nicht leisten. Und natürlich gibt es auch einige andere, die es ablehnen. Nicht jeder möchte heutzutage vernetzt sein! Das Problem liegt also weniger an dem tatsächlichen Ausbau des Breitbands, sondern an der Geldverteilung! Ich geben Ihnen ein Beispiel: Wir gehen davon aus, dass bis Ende 2020 ungefähr 700 oder mehr Low-Orbit-Satelliten mit niedriger Umlaufbahn, unsere Erde umkreisen. Damit könnten Sie eine 100-Prozentige globale Highspeed-Vernetzung und niedrige Latenz in wenigen Jahren ermöglichen. Das wäre kein Problem, ein viel größeres wäre allerdings der Datenschutz und Sicherheit.

Gerade in Ihrem Bereich ist auch Nachhaltigkeit ein wachsendes Anliegen. Einige Führungskräfte von US-Unternehmen wurden zum Klimawandel befragt. Mehr als 70 Prozent gaben an, dass sie unter dem Druck von Shareholdern stehen, die vorbeugende Maßnahmen erwarten. Sie haben in dem herausgegebenen TMT Predictions 2020 von Deloitte nichts in diese Richtung thematisiert. Spielt das für Sie etwa gar keine Rolle?

Tolle Frage! Obwohl wir in unserem TMTPredictions 2020 Report nicht über die Auswirkungen von Technologie auf unsere Umwelt geschrieben haben, steht das im Jahr 2021 ganz oben auf der Liste. Wir beobachten, dass sich eine Reihe von Technologieunternehmen beispielsweise immer mehr dazu verpflichten, innerhalb einer bestimmten Zeit klimaneutral zu werden. Wenn wir anfangen Edge-AI-Chips zu verwenden, wäre das auch eine Möglichkeit den Energieverbrauch von einigen Technologien reduzieren.

Gibt es weitere Faktoren, die der Wirtschaftlichkeit von Technologie-Unternehmen langfristig schaden könnten?

Die niedrige Frauenquote im Tech ist ein wichtiges Thema. Der Mangel an Geschlechterdiversität schadet nicht nur der Technologiebranche, sondern auch langfristig unserer gesamten Wirtschaft, da Tech und IT immer wichtigere Teile der Wirtschaft darstellen. Darüber habe ich 2016 einen Bericht geschrieben.

Der Prozentsatz von Frauen in den USA in 2015 lag bei 23.68 Prozent. Diese Zahl schließt IT-Jobs aller Unternehmen mit ein, nicht nur Tech-Firmen. In 2018 stieg der Satz auf 24.56 Prozent an. Mit einem jährlichen Wachstum von 0,3 Prozent ist das leider sehr wenig.  Frauen machen nicht nur ein Viertel der IT-Mitarbeiter aus, sondern auch insgesamt weniger als die Hälfte der Grundgesamtheit.

Was lässt das vermuten?

Dass wir auch in diesem Jahrhundert keine Gleichstellung erfahren werden. 

Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen. Wie sieht die ideale Welt in 20-30 Jahren aus?

20-30 Jahre gehen weit über unsere Prognosen hinaus. Ich bin aber einigermaßen optimistisch, dass die Herausforderungen im Bereich Datenschutz und Sicherheit bis dahin deutlich fortgeschritten sein werden. Sicherlich werden sie bis dahin nicht gelöst, aber die Umstände deutlich besser.

Was meinen Sie mit dieser Prognose?

Der Internet-Sektor ist bis dato gerade einmal ungefähr 30 Jahre alt. Wir sind auf dem gleichen Stand, wie wir es 1921 mit Autos waren: gefährlich, nicht reguliert und risikoreich. Ungefähr 1950 fanden wir heraus, wie wir ein Auto relativ nutzen können. Während 1921 noch 241 Menschen bei einer Milliarde gefahrenen Meilen starben, waren es 1951 nur noch 72, 70 Prozent weniger! Daher wurde das Risiko sicher nicht eliminiert, aber reduziert. 2018 sank die Nummer auf 11, 85 Prozent weniger als 1951, und vergleichsweise 95 Prozent zu fast einem Jahrhundert vorher!

Vielen Dank für das Gespräch

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Ich bin freie Journalistin, lebe in London und studiere im Erasmus Mundus Master International Journalism, Media and Globalisation. Brennend interessiere ich mich für Zukunftstechnologien, Digitalisierung und (digitale) Trends.

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