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Konsum in Deutschland: „Coronakrise und Lockdowns hängen wie ein Damoklesschwert über allem“

Rolf Bürkl ist Konsumexperte des Marktforschungsinstitutes GfK. Im Interview mit Kryptoszene.de spricht er über den Einfluss der Coronakrise auf das Konsumklima und bestimmte Branchen in diesem Jahr und langfristige Veränderungen.

Hallo Herr Bürkl, inwiefern beeinflusst die Coronakrise das Konsumklima in Deutschland?

Die Pandemie hat natürlich einen großen Einfluss auf das Konsumklima in diesem Jahr. Wir hatten hier im April einen regelrechten Absturz des Konsumklimas: Durch den Lockdown sind die Einzelhandelsumsätze zunächst mehr oder weniger zusammengebrochen, der Tourismusbereich, Restaurants, Gaststätten und dergleichen haben große Probleme bekommen.

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Waren die Infektionszahlen und das Konsumverhalten in diesem Jahr eng miteinander verzahnt?

Ja, als wieder Geschäfte öffneten und weitere Lockerungen in Gang gesetzt wurden, hat sich das Konsumklima wieder spürbar verbessert, aber leider ist dieser Aufschwung ab Juli wieder ins Stocken geraten, weil jetzt die Infektionszahlen wieder deutlich angestiegen sind und dadurch auch die Verunsicherung bei Verbrauchern deutlich größer geworden ist.

Kann man auch geringere Gehälter durch Kurzarbeit und höhere Arbeitslosigkeit am derzeitigen Konsum der Deutschen ablesen?

Ja, wir hatten ja einen sprunghaften Anstieg der Kurzarbeiterzahlen nach dem Lockdown und auch die Arbeitslosigkeit hat zugenommen. Steigende Arbeitslosigkeit und vor allem die Furcht davor ist immer eine Belastung für das Konsumklima. Das haben wir auch ohne Pandemie in der Vergangenheit immer wieder gesehen. Auch nur die Befürchtung, arbeitslos zu werden, weil in anderen Bereichen etwa Arbeitskräfte freigesetzt werden, führt zu Vorsicht bei den Konsumausgaben.

In welche Branchen wird aktuell mehr konsumiert als normalerweise, in welchen weniger?

Durch den Lockdown hatte man relativ wenig Einkaufsmöglichkeiten. Als Folge sind die Onlinekäufe der Bundesbürger sprunghaft angestiegen: Wir haben festgestellt, dass im April 70 % der Haushalte mindestens einmal online eingekauft haben.

Durch Home Office und Kurzarbeit hat sich sehr viel des Lebens außerhalb in die eigenen vier Wände verschoben. Das hat dazu geführt, dass im Lebensmitteleinzelhandel die Umsätze doch gestiegen sind, aber das waren real keine Mehrausgaben, sondern eine Verschiebung. Entsprechend haben die Restaurants, Gaststätten, Imbissstände, die Geschäftsleute gewöhnlich in ihrer Mittagspause aufsuchen weniger Umsatz gehabt. Was Essen in Deutschland betrifft haben wir gesehen, dass wir da einen verstärkten Trend zur Nachhaltigkeit sehen: Der Umsatz mit Frischeprodukten, Gemüse, Obst und Bioprodukten hat zugelegt. Es wurde verstärkt regional und auf Wochenmärkten gekauft.

War die Nachhaltigkeit bei Lebensmitteln erst in diesem Jahr ein sichtbarer Trend?

Dieser Trend zur Nachhaltigkeit ist schon länger da, aber das hat jetzt noch mehr Dynamik durch diese Krise gewonnen. Wenn man nicht in den Urlaub fahren kann oder weniger Gaststätten besucht hat man finanzielle Mittel übrig, die man dann in etwas teurere Produkte stecken kann. Auch das sogenannte Edelkochen hat in dieser Krise zugenommen.

Wie sieht es in anderen Branchen aus?

Auch alles, was mit Computerzubehör zusammenhängt, hat profitiert. Die Leute haben für das Home Office ihren Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden aufgerüstet – sich etwa einen Drucker oder ein Headset gekauft. Ebenso all die Bereiche, die zur Ausstattung und Verschönerung des eigenen Haushalts beitragen: Die Baumärkte haben zum Beispiel sehr stark profitiert.

Der große Verlierer ist der Bekleidungsbereich: Wer zu Hause ist, braucht keine Businessbekleidung und geht entsprechend weniger einkaufen. Einzig die Sportbekleidung hat sich nicht so schlecht entwickelt. Die insgesamt sehr schwache Entwicklung hält weiter an: Ein wenig wurde aufgeholt, aber die Bekleidungsbranche ist immer noch tief in den roten Zahlen.

Welche Veränderungen werden langfristig bleiben?

Es wird sicherlich nicht so extrem sein wie zu Zeiten des Lockdowns, aber ich gehe davon aus, dass wir künftig ein höheres Niveau an Onlinekäufen haben werden als vor der Pandemie: Der eine oder die andere hat in dieser Zeit festgestellt, dass der Onlinekauf gar nicht so schwierig ist und wird das weiter nutzen.

Auch im Bekleidungsbereich – in der Zeit nach Corona werden wir dort sicherlich wieder eine etwas bessere Entwicklung sehen. Dieser Bereich hat jedoch schon längere Zeit mit rückläufigen Umsätzen zu kämpfen und das wurde durch diese Krise verschärft.

Sehen die Trends international ähnlich aus wie in Deutschland?

EU-weit zeigt sich ein ähnliches Bild wie in Deutschland: Wir haben im Bekleidungsbereich deutliche Rückgänge und im Food-Bereich sowie bei Einrichtung und Elektrogeräten gibt es ein Plus. Auch der E-Commerce weist europaweit deutliche Zuwachsraten aus. Im Großen und Ganzen gibt es also europaweit ein ähnliches Bild, weil die Länder eine ähnliche Situation hatten.

Die Coronakrise und Lockdowns hängen wie ein Damoklesschwert über allem. Der Einzelhandel leidet natürlich stark, wenn die Geschäfte geschlossen sind. Leider müssen wir das jetzt erneut erleben. Vor allem für Geschäfte, die nicht die Möglichkeit haben, ihre Produkte online zu vertreiben, ist das eine schwierige Situation. Viele Geschäfte sind ohnehin schon stark geschwächt durch den Lockdown im Frühjahr. Jetzt noch einmal so eine Prozedur über sich ergehen zu lassen weckt die Befürchtungen, dass das eine oder andere nicht überleben wird.

 

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Jelena Malkowski

Ich habe Ethnologie, Journalismus und Globalisierung studiert und arbeite nun als freie Journalistin mit Fokus auf internationale Themen wie globale Ungleichheiten, Migration und Wirtschaft abseits des Mainstream.

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